Gedanken über das Zuviel

Die Wassermassen bahnen sich unaufhörlich ihren Weg. Seit Tagen nun schon tobt das Hochwasserchaos in vielen Dörfern und Städten. Viele Menschen müssen ihr zu Hause verlassen, Existenzen werden zerstört. Das macht uns sehr betroffen.

Es führt auch unweigerlich zu der Frage: Was würde ich vermissen? Welcher Verlust würde mich schmerzen? Was brauche ich wirklich? Und die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Da ist zunächst sicher viel Materielles. Das Bett mit allem, was dazu gehört, die Waschmaschine, Kochgeschirr, Schränke, Tische, der Computer. Nun wird es schon hakelig. Ohne Kochtopf kocht es sich schwer und ohne Bett…naja, es geht. Aber ohne was matratzenähnliches möchte ich eigentlich nicht sein. Es muss auch kein super teures Bettzeug sein, nur warm halten sollte die Decke. Waschmaschine ist für uns beide nicht zwingend notwendig, glaube ich. Ohne Computer geht einiges. Aber wenn ich gerade so sehe, wie viele Hilfsangebote über facebook laufen oder überhaupt über Webseiten…hu, das ist ja schon Internet. Aber dafür würde vielleicht auch der PC der örtlichen Bibliothek reichen…

Und wenn ich so weiter darüber nachdenke, schleicht sich immer wieder der eine Gedanke ein: Aber es ist doch so bequem…nicht von Hand waschen zu müssen, den Laptop vor der Nase zu haben, ein kuscheliges Bett zu haben…

Was ist mit den Büchern? Wir gehören zu den Menschen, die Romane durchaus mehrmals lesen. Ob ich sie einfach alle an eine Bibliothek geben könnte? Wenn ich sicher wäre, dass ich an dem Ort bleibe, vielleicht. Aber das steht ja in den Sternen. Der MP3-Player, der mich auf meinen Wegen begleitet…die Musikinstrumente? Sind die wesentlich? Fotos aus Kindheitstagen…wesentlich? Schmerzhaft jedenfalls, wenn es vernichtet wird. Im Keller hatten wir mal einen Wasserrohrbruch, der viele Erinnerungen mitgenommen hat. Das tat schon ziemlich weh. Manche Sachen suche ich heute noch, bis mir wieder einfällt, dass sie unwiederbringlich verloren sind. Aber ich brauche es nicht zum Überleben. Es ist schade, aber weg.

Wir hängen an so vielen Dingen, die wir gar nicht wirklich brauchen…und doch geben wir sie nicht weg. Bis hier der Fernseher verschwunden ist, hat es auch lange Zeit gedauert. Es ist alles so furchtbar praktisch, bequem und bunt. Gott weiß, wie viel verschiedenen Flaschen Nagellack ich hier rumstehen habe und keine traue ich mich wegzuschmeißen, weil die doch alle so hübsch sind. Wann trag ich überhaupt mal Nagellack? Schränkeweise Bastelkram, der ja so toll ist, aber wohl nie verbastelt wird. Zum Wegschmeißen zu schade…hat ja auch Geld gekostet, nicht wahr? Trotzdem wir vor unserem Umzug sehr kräftig entrümpelt haben (es war wirklich erschreckend, wie viel da zusammen gekommen ist), haben wir doch irgendwie noch immer zu viel.

Doch dann kommt der Tag, an dem ich das Handrührgerät in der Schublade lasse und mit den Händen Teig vermenge. Das wunderbare Gefühl von Einfachheit. Kennt ihr das? Oder das Zuviel von Kompliziertheit…Stichwort permanente Erreichbarkeit dank Technik (so sehr ich sie auf der anderen Seite auch wieder schätze), Geräte mit tausend Funktionen (ich favorisiere das Handy zum Telefonieren), die einem alles abnehmen sollen, einen aber auch gerne mal in den Wahnsinn treiben? Und wenn sie dann mal nicht funktionieren…hat heute noch jemand ein Adressbuch? So aus Papier?

Wir leben im Übermaß und das kann uns zum Verhängnis werden. Manche Menschen können nicht genug haben und merken nicht, dass ihr Sammeln krankhaft wird. Andere haben Angst, dass es nicht reichen könnte. Doch was man hat, das kann man auch verlieren. Was man nicht hat, das frisst auch keine Energie. Weil ich mir nicht dauernd Sorgen machen muss, ob die randalierenden Jugendlichen da gerade an meinem Auto waren, ob jemand aus dem Spind in der Bibliothek meinen Laptop klaut (es gibt Laptop-Schlösser, wirklich) oder oder oder…und doch hab ich es…und doch brauch ich es irgendwie…dieses Ding, das man erschaffen hat, um mir das Leben leichter zu machen. Erstaunlich, wie sie einen beherrschen können, die Dinge. Wie lange man eine Hose aufbewahrt, die man nie tragen würde, die einem aber XYZ geschenkt hat, den man so gerne mag…(9 Jahre – jetzt freut sich jemand anderes darüber). Wie schnell sich aber auch Zeug wieder ansammelt…kennt ihr das, wenn ihr beim schwedischen Einrichtungshaus des Vertrauens ward, 200 Euro gelassen habt und euch nach einer Woche fragt, was ihr eigentlich für das viele Geld gekauft habt? Da kauft man mal hier etwas, das man gerne ausprobieren möchte, da was, das man ganz dringend braucht und dieses hier finde ich gerade so hübsch. Das Geld hätte ich auch in Reispflanzen stecken können. Dann hätte ich zumindest eine Ernte.

Was bleibt, ist der Wille, den Dingen den Kampf anzusagen. Wo ein Wille, da ein Weg…und so weiter. Aber wollen kann man ja viel.

Majura, Rhi, Marii und Paule

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s